"Wenn man die jungen Leute in den Vereinen halten möchte, muss man den Vereinsabend so attraktiv gestalten, wie er es damals für uns war"

Interview mit DSB-Präsident Ullrich Krause

DSB Präsident Ullrich Krause auf dem Schachgipfel in Magdeburg im Juli 2021. Foto: Schachbund

Vorbemerkung:

Das folgende Interview habe ich mit Ullrich Krause von Anfang bis Mitte Juli per E-Mail geführt. Es ging mir darum, einige Fragen zum turbulenten Kongress im Juni zu stellen, sowie hauptsächlich breitenschachliche Themen zu besprechen. Genau in den Tagen, in denen dieses Interview eigentlich auf meinem Blog hätte erscheinen sollen, überschlugen sich dann plötzlich beim Deutschen Schachbund die Ereignisse. Zunächst der völlig unerwartete Rücktritt von Gulsana Barpiyeva als Vizepräsidentin Finanzen nach nur etwa sechs Wochen in Amt. Wenig später dann die Nachricht, dass die Vizepräsidentin Verbandsentwicklung Olga Birkholz die Wahl von Ralph Alt zum Vizepräsident Sport beim DSB-Schiedsgericht anfechtet.

Ich habe mich in Rücksprache mit Ullrich Krause dazu entschieden, das Interview in seiner jetzigen Form zu veröffentlichen, in der diese neuesten Entwicklungen noch nicht berücksichtigt sind. Ein zweiter Teil des Interviews, in dem ich ihn auch zu diesen Vorkommnissen befragen werde, ist bereits in Vorbereitung.


Einleitung:

Ich habe Ullrich Krause Anfang der 1990er kennengelernt, als ich in den Lübecker Schachverein eintrat, wo er damals das Amt des Jugendwartes bekleidete. Auch wenn ich nach einigen Jahren zum benachbarten SV Bad Schwartau wechselte, sind wir uns in den Folgejahren immer wieder bei verschiedensten Schachturnieren in Norddeutschland begegnet.

Mittlerweile sind viele Jahre vergangen. Ich lebe inzwischen in San Francisco und arbeite im Silicon Valley bei einem Unternehmen im Cloud Computing. Der deutschen Schach-Szene bin ich als Beobachter und gelegentlicher Blogger treu geblieben. Außerdem spiele ich im Internet mit Begeisterung regelmäßig Blitz und Bullet.
Ullrich hingegen wohnt nach einem studienbedingten Abstecher nach Kiel wieder in seiner alten Heimat Groß Grönau und ist auch seinem Verein bis heute treu geblieben.

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Fangen wir an mit dem Kongress im Juni. Erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl. Ich hatte Gelegenheit, den Kongress auf Twitch im Internet zu verfolgen. Eine wirklich gute Sache, das sollte man unbedingt beibehalten. Trotzdem war es meiner Meinung nach kein guter Kongress. Ich hatte den Eindruck, dass es sehr viel unproduktiven Streit gab, und sich die Veranstaltung oft in anstrengendem Klein-Klein verzettelte. Du wurdest als Amtsinhaber mit relativ schlechtem Ergebnis wiedergewählt, obwohl Deine Gegenkandidatin eher kurzfristig und mehr oder weniger unvorbereitet ohne Programm und Team antrat. Die allgemeine Unzufriedenheit über die Konflikte der letzten Jahre brach sich dann meiner Wahrnehmung nach besonders destruktiv ihre Bahn, in dem beinahe wahllos Kandidaten gewählt oder abgestraft wurden. Wie ist Dein Fazit zum Kongress?

Ich muss zugeben, dass ich nach dem Kongress einigermaßen ernüchtert war. Das lag weniger an meinem Ergebnis, denn ich habe 13 Stimmen weniger erhalten als vor zwei Jahren, also in etwa die gleiche Stimmenzahl erreicht. Und am Ende des Tages bin ich pragmatisch: Mehrheit ist Mehrheit, obwohl die Tendenz natürlich aus meiner persönlichen Sicht in die falsche Richtung zeigt. Ich bin allerdings sehr optimistisch, dass wir uns in den kommenden zwei Jahren auf inhaltliche Schwerpunkte konzentrieren können, um das Schach in Deutschland voranzubringen, und dass die Tendenz dann in die andere Richtung zeigen wird.

Es gab aber einige andere Situationen während des Kongresses, die mir zu denken gegeben haben und auf die ich gerne etwas detaillierter eingehen möchte. Mir ist zum Beispiel vollkommen rätselhaft, warum es bei der Entlastung des Präsidiums etliche Gegenstimmen gab, ohne dass dafür auch nur ein Grund genannt wurde. Ich möchte dazu aus dem Protokoll der letzten Jugendversammlung der DSJ zitieren, die am 8. und 9.Mai 2021 ebenfalls online stattfand:

„Vor dem Bericht der Kassenprüferinnen erklärt Andreas Jagodzinsky (Sitzungsleitung) die rechtlichen Grundlagen der Entlastung. Er hebt hervor, dass die Versammlung mit der Entlastung darauf verzichte, bekannte Schadensersatzansprüche wegen grob fahrlässiger oder vorsätzlicher Pflichtverletzungen gegen die jeweiligen Vorstandsmitglieder geltend zu machen. Damit gehe es bei der Entlastung um das Bestehen handfester vermögensrechtlicher Ansprüche. Die inhaltliche Bewertung der Vorstandsarbeit sei hingegen nicht Gegenstand der Entlastung.“

Das bedeutet, dass teilweise bis zu einem Drittel der Delegierten anscheinend der Auffassung war, dass sich die einzelnen Präsidiumsmitglieder Pflichtverletzungen haben zuschulden kommen lassen, die einen Schadensersatzanspruch begründen könnten, und das wie gesagt ohne jegliche Angabe von Gründen. Ebenso unbegründet wurde der Antrag des Schachbundes NRW auf geheime Abstimmung und Einzelentlastung der Präsidiumsmitglieder gestellt. Mir ist vollkommen klar, dass beides möglich ist, also sowohl der Antrag auf geheime Abstimmung als auch der auf Einzelentlastung, und die Delegierten können natürlich auch immer so abstimmen, wie sie das für richtig halten, aber der Verdacht, dass es bei dem gesamten Entlastungsvorgang nicht in erster Linie um Inhalte ging, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Was man mit einem solchen Verhalten erreichen möchte, erschließt sich mir nicht.
Eine kleine Randnotiz: Exakt dasselbe Szenario gab es beim Kongress 2009 in Zeulenroda, als Robert von Weizsäcker Präsident war. Die Lektüre des Protokolls zeigt, dass es beim DSB früher auch nicht immer harmonisch zuging.

Bei der Wahl des Vizepräsidenten Verbandsentwicklung gab es dann die nächste unschöne Situation, als der einzige Kandidat Boris Bruhn die Mehrheit verfehlte. Es geht mir dabei nicht darum, dass er meiner Meinung nach sehr gute Arbeit geleistet hat, sondern um die Destruktivität, mit der hier auch noch ganz nebenbei ein wirklich engagierter Funktionär ohne Angabe von Gründen vor den Kopf gestoßen wurde: Wenn man der Meinung ist, dass jemand nicht wieder gewählt werden soll, dann sollte man doch in der Lage sein, einen Gegenkandidaten aufzustellen. Die Situation nach einem solchen rein ablehnenden Wahlausgang ist vergleichbar mit einem Vakuum, das dann einen Zufallskandidaten ins Amt zieht. Auch hier gilt: Formal ist das alles zulässig, aber mit konstruktiver inhaltlicher Arbeit hat das nichts zu tun.
Auch hier ein Blick ins Archiv: Beim Kongress 2011 erhielt der einzige Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten Sport keine Mehrheit.

Generell gibt es bei DSB-Versammlungen immer wieder die aus meiner Sicht schlechte Sitte, alle Möglichkeiten auszureizen, die unsere Satzung und unsere Geschäftsordnung bieten, auch und gerade, wenn es dadurch zu chaotischen Situationen kommt. Das habe ich in der Form auf anderen Ebenen bisher nicht erlebt, weder in meinem Verein noch in meinem Landesverband gab es Anträge auf Austausch des Versammlungsleiters oder auf geheime Einzelentlastung. Dazu kommen dann noch persönliche Animositäten, die oft der alleinige Indikator für die inhaltliche Bewertung von Anträgen oder Kandidaten sind. Das mag menschlich sein, ist aber für Entscheidungen auf der Ebene eines bundesweit agierenden Sportverbandes keine geeignete Grundlage. Aber wie der Blick ins Archiv zeigt: Das ist leider kein neues Phänomen.

Das DSB-Präsidium ist ja nun etwas anders besetzt, als man das vorher erwarten konnte. Wie soll die Zusammenarbeit zukünftig aussehen? Aus den sozialen Medien sind hierzu - wenig überraschend - schon jede Menge Unkenrufe zu vernehmen. Ich würde aus meiner beruflichen Erfahrung zwar sagen, dass man sich die Leute, mit denen man zusammenarbeiten muss, in der Regel nicht aussuchen kann; dennoch die Frage: wie kann das zukünftig besser funktionieren?

Die Regelung, dass beim DSB jedes Präsidiumsmitglied einzeln gewählt wird, führt immer wieder dazu, dass Leute zusammenarbeiten, die das eigentlich nicht geplant hatten. Das muss nicht automatisch dazu führen, dass diese Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt ist, aber ein gewisses Risiko besteht natürlich schon. Wenn ich das wiederum vergleiche mit meinen Erfahrungen auf Vereins- und Landesebene: Dort sind alle Kandidaten vorher bekannt und werden auch gewählt, meistens einstimmig, und als Ergebnis gibt es nur sehr selten persönliche Auseinandersetzungen innerhalb des Vorstandes – Ausnahmen bestätigen die Regel. Dein Vergleich mit dem beruflichen Alltag hinkt übrigens ein wenig, denn ein Ehrenamt übt man in der Regel freiwillig aus.

Ich bin kein Prophet und kann deshalb nur die Zeit seit dem Kongress [Anmerkung: der plötzliche Rücktritt Gulsana Barpiyevas als Vizepräsidentin Finanzen erfolgte einige Tage nach diesem Interview] bewerten: Wir hatten mit dem neuen Präsidium zwei Videokonferenzen und haben bereits etliche E-Mails ausgetauscht, und bisher verläuft die Zusammenarbeit vollkommen störungsfrei. Es gab einige inhaltliche Diskussionen, bei denen unterschiedliche Standpunkte vertreten wurden, aber das gehört zur Gremienarbeit dazu und stellt aus meiner Sicht kein Problem dar, ganz im Gegenteil. Der auf dem Kongress erhobene Vorwurf, ich würde wie ein Diktator auftreten, wurde bisher auch nicht wiederholt. Insofern bin ich optimistisch, dass das Präsidium auch zukünftig in der Lage sein wird, den Deutschen Schachbund in die richtige Richtung zu lenken.

Um das noch einmal klarzustellen: Den Kongress mit seinen teilweise unerfreulichen Aspekten habe ich abgehakt. Ich schaue jetzt in die Zukunft und verbinde insbesondere mit dem außerordentlichen Kongress die Hoffnung, dass dieser besser verläuft und dass wir ohne Anträge zur Geschäftsordnung auskommen.

Bei diesem außerordentlichen Kongress im Oktober wird es dann hoffentlich um Inhalte gehen. Was steht noch an, welche inhaltlichen Weichenstellungen sind zu erwarten? Welche ganz heißen Eisen werden noch angefasst?

Wir haben am 12.Juni alle Wahlen durchgeführt und alle satzungsändernden Anträge behandelt. Der Grund für die Einberufung eines außerordentlichen Kongresses am 9.Oktober bestand darin, dass der Haushalt für die beiden kommenden Jahre noch verabschiedet werden muss, damit wir handlungsfähig sind. In den vergangenen Jahren wurden die Haushaltsentwürfe immer anstandslos genehmigt, was vermutlich im Wesentlichen daran liegt, dass die Zahl, die unten rechts am Ende der Bilanz steht, sehr positiv ist oder anders gesagt: Die finanzielle Lage des Deutschen Schachbundes ist exzellent und es bedarf keiner Sparmaßnahmen, auch der Beitrag bleibt laut Beschluss des Kongress am 12.Juni in den kommenden beiden Jahren gleich.

Im Zusammenhang mit dem Haushalt werden wir auch über die Neu-Entwicklung von DeWIS und MIVIS sprechen. Das ist in gewissem Sinne ein heißes Eisen, weil es um sehr viel Geld geht, aber ich bin zuversichtlich, dass diese aus meiner Sicht zwingend notwendige Investition von der Mehrheit der Delegierten genehmigt wird. Ich gehe außerdem davon aus, dass wir die Gelegenheit eines Kongresses ohne die formalen und zeitaufwändigen Vorgaben wie Entlastung und Neuwahlen nutzen werden, um rein inhaltlich zu arbeiten. Persönlich habe ich schon einige Ideen für entsprechende Tagesordnungspunkte, aber diese sind bisher weder ausformuliert noch mit dem Präsidium abgesprochen, deshalb möchte ich hier nicht ins Detail gehen. Die Antragsfrist endet am 10.September, dann werden wir wissen, wie heiß die Eisen sein werden, mit denen sich der Kongress befassen wird.

[Anmerkung: Die Tagesordnung liegt inzwischen vor:]


Wenn alles gut geht, steht beim ausserordentlichen Kongress im Oktober tatsächlich Schach im Mittelpunkt. Screenshot der Einladung. Quelle: Schachbund

Du hattest in Deinem ausführlichen Gespräch mit GM Raj Tischbierek vor einem Jahr über das traditionell schlechte Image des Schachbunds gesprochen, und eine Professionalisierung insbesondere auch der Öffentlichkeitsarbeit angemahnt. In der Tat habe ich als Beobachter oft den Eindruck, dass der DSB bei strittigen Themen in der öffentlichen Debatte regelmäßig in die Defensive gerät, weil er seine Standpunkte viel zu langsam und zögerlich hervorbringt. Ich empfinde es oft als sehr frustrierend, dass man vom DSB dann so wenig hört, während in den "sozialen" Medien bereits eine Debatte tobt, die weitestgehend unter der Gürtellinie und frei von jeglicher Sachkenntnis geführt wird. Ehrlich gesagt wundert es mich nicht, dass der DSB vor diesem Hintergrund Schwierigkeiten hat, einige seiner Ehrenämter zu besetzen.
Was ist seit diesem Interview vom letzten Sommer im Bereich Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit passiert? Gibt es Fortschritte zu vermelden?


Vor meiner Zeit beim DSB war es für mich selbstverständlich, dass interne Vorgänge ausschließlich intern behandelt werden und dass man erst danach, wenn es ein Ergebnis gibt, die zuständigen Gremien und in Fällen von allgemeinem Interesse auch die Öffentlichkeit informiert, aber eben erst ganz am Ende des Prozesses. Das Instrument, das wir für die Information unserer Gremien verwendet haben, waren neben den DSB-Tagungen (Kongress bzw. Hauptausschuss) Rundschreiben an die Landesverbände, die wir „Infobrief“ genannt und bei denen wir um vertrauliche Behandlung gebeten hatten. Leider mussten wir feststellen, dass diese Infobriefe regelmäßig an Empfänger außerhalb des DSB weitergeleitet wurden und damit sozusagen öffentlich verfügbar waren. Daraufhin haben wir den Versand dieser Infobriefe wieder eingestellt. Generell scheint es heutzutage so zu sein, dass es von vielen Leuten geradezu erwartet wird, dass interne Vorgänge eines bundesweit agierenden Sportverbandes öffentlich behandelt werden, und auch das Durchstechen von vertraulichen Informationen gehört zum Diskurs anscheinend dazu, d.h. man kann gar nicht verhindern, dass solche Themen auch öffentlich debattiert werden.

Wir haben uns deshalb nach längeren Diskussionen dazu entschieden, proaktiver mit kritischen Themen umzugehen, um in der öffentlichen Diskussion nicht in die Defensive zu geraten. Das war auch eine Empfehlung der PR-Agentur, mit der wir seit einem halben Jahr zusammenarbeiten. Eine andere Empfehlung war diese: Schnelligkeit ist das A und O, wenn man im öffentlichen Diskurs bestehen möchte. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich einige Zeit gebraucht habe, um mich an diese neue Herangehensweise zu gewöhnen, weil sie mir wie gesagt früher vollkommen fremd war. Da der DSB keinen Vollzeit-Pressesprecher beschäftigen kann, der auf einer Art „Schachbund(es)pressekonferenz“ den Medienvertretern regelmäßig Rede und Antwort steht, und da der Präsident auch noch einen „richtigen“ Job hat, müssen wir das mit den vorhandenen Ressourcen tun. Auf der letzten Präsidiumssitzung haben wir deshalb beschlossen, im Bereich Öffentlichkeitsarbeit eine zusätzliche Stelle in der Geschäftsstelle einzurichten. In Anbetracht der heutzutage erwarteten Geschwindigkeit und der Menge der zu vermittelnden Informationen ist das zwingend notwendig – ob es auch ausreichend ist, werden wir sehen.

Man hört immer wieder, der Schachbund solle in dieser schwierigen Zeit den Vereinen helfen. Einerseits sehe ich das auch so, andererseits bin ich nicht sicher, was der Schachbund tun könnte, und ob er überhaupt "zuständig" ist, weil er ja nicht direkt Ansprechpartner der Vereine ist. Nebenbei gefragt - sollte sich das ändern?
Könnte und sollte der Schachbund Deiner Meinung nach etwas tun? Beispielsweise in Zeiten der von Dir schon angesprochenen vollen Kassen den Vereinen bei den Beiträgen entgegenkommen?


Die Mitglieder des Deutschen Schachbundes sind die Mitgliedsorganisationen, also die 17 Landesverbände und fünf „sonstige Organisationen“, die sich dem DSB angeschlossen haben (Schwalbe, Bundesliga, Deutscher Blindenschachbund, Fernschachfreunde, Deutsche Schachjugend). Die Schachvereine sind also nur indirekt über die Landesverbände mit dem Deutschen Schachbund verbunden, die Beiträge werden von den Vereinen auch nicht direkt an den Deutschen Schachbund gezahlt, dies erfolgt auf dem Umweg über die Landesverbände. Eine direkte Beitragsrückzahlung an die Vereine ist also nicht möglich. Eine Rückzahlung an die Landesverbände oder ein Verzicht auf den Einzug der Beiträge ist nur in Ausnahmefällen zulässig, nämlich dann, wenn eine wirtschaftliche Notlage vorliegt, ansonsten gefährdet man die Gemeinnützigkeit. Aber die Kassen der Landesverbände sind mindestens genauso voll wie die des Deutschen Schachbundes, d.h. ein Entgegenkommen bei den Beiträgen durch den DSB ist nicht möglich. Die Landesverbände können übrigens aus denselben Gründen nicht auf den Einzug ihrer Beiträge verzichten. Hier einer von vielen Links zu diesem Thema:

Gemeinnützigkeit: Vorsicht beim Verzicht auf Mitgliedsbeiträge!

Der DSB kann die Vereine allerdings auf immateriellem Weg unterstützen, indem wir einerseits Best Practice-Beispiele für die Zeit nach Corona demonstrieren, die von anderen Vereinen bereits erfolgreich umgesetzt wurden. Ansonsten sind die Landesverbände die direkten Ansprechpartner für die Vereine, und der DSB kann andererseits dafür sorgen, dass sich die Landesverbände untereinander austauschen, damit das Rad nicht 17mal erfunden werden muss. Genau diese beiden Ziele haben wir mit einigen Videokonferenzen verfolgt, die meines Erachtens sehr erfolgreich waren. Diese Serie soll mit einer monatlichen Videokonferenz zu ausgewählten Breitenschachthemen fortgesetzt werden – die neue Breitenschach-Referentin Sandra Schmidt hat sich hier Einiges vorgenommen.

Eine Strukturreform mit dem Ziel, die Vereine direkt beim DSB anzugliedern, wie es zum Beispiel in Frankreich der Fall ist, wird immer wieder mal von Außenstehenden ins Gespräch gebracht. Ob ein Deutscher Schachbund mit 2.400 Mitgliedsvereinen anstatt 22 Mitgliedsorganisationen beweglicher und flexibler wäre, wage ich persönlich zu bezweifeln, und ich habe auch in einigen Gesprächen mit französischen Schachfunktionären den Eindruck gewonnen, dass es nicht immer von Vorteil ist, wenn sehr viele Köche damit beschäftigt sind, denselben Brei zuzubereiten.

Wenn ich das richtig sehe, ist der Mitgliederschwund im Schachbund durch den Corona Lockdown zwar spürbar, aber vielleicht doch nicht ganz so schlimm ausgefallen wie befürchtet. Andererseits ist durch die Netflix Serie Damengambit Schach zur Zeit so populär wie schon lange nicht mehr. Selbst im SPIEGEL wird wieder regelmäßig berichtet. Wie sieht es jetzt in den Vereinen aus, wo sich die Lage langsam zu entspannen scheint? Gibt es z.B. in Lübeck eine große Eintrittswelle von erwachsenen Anfängern? Oder durch "Damengambit" ein erhöhtes Interesse von Frauen? Oder ein erhöhtes Interesse der breiten Öffentlichkeit an Schachvereinen? Ist es vielleicht sogar sinnvoller, Menschen, die Schach nun vielleicht zum ersten mal für sich entdeckt haben, nicht gleich zum Eintritt in einen Verein "zwingen" zu wollen?

Unsere Mitgliederzahlen verändern sich täglich, weil die Vereine auch unterjährig ständig Mitglieder an- und abmelden. Relevant für den Beitragseinzug sind aber nur die Zahlen, die wir Anfang Januar ermitteln, d.h. ein belastbarer Vergleich ist nur möglich, wenn man diese Mitgliedszahlen über die Jahre miteinander vergleicht. Seit 2017 ist dieser Wert ständig gestiegen, wir sind aber noch weit von den Zahlen entfernt, die wir vor 15 Jahren verzeichnen konnten. Im Januar 2021 gab es dann einen Rückgang um knapp 4.000 Mitglieder im Vergleich zum Januar 2020. Das ist natürlich zunächst einmal eine schlechte Nachricht, aber die gute Nachricht ist, dass die Zahl der Austritte im Vergleich zu den Vorjahren in etwa gleichgeblieben ist, und dass nur die Zahl der Neueintritte signifikant zurückgegangen ist. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil der Vereins- und Spielbetrieb und insbesondere die schachlichen Aktivitäten an den Schulen in den vergangenen fünfzehn Monaten praktisch ausgefallen sind.

Der DSB hat mit erheblichem personellen und auch finanziellem Aufwand mit der Deutschen Schach-Onlineliga einen digitalen Spielbetrieb für unsere Vereine auf die Beine gestellt. Dieses Angebot wurde auch von meinem Verein, also vom Lübecker Schachverein, dankend angenommen, und das war für mich in der zweiten DSOL-Spielzeit das erste Wiedersehen mit meinen Vereinskameraden nach einer längeren Pause, wenn auch nur auf unserem Discord-Server.

Wir haben in Lübeck darüber hinaus auch einen Online-Kurs für Anfänger angeboten, der mit 90 Teilnehmern und einer Warteliste extrem gut angenommen wurde. Einige der Teilnehmer sind jetzt bereits in den Verein eingetreten, aber von einer großen Eintrittswelle würde ich noch nicht sprechen. Der DSB hat außerdem einige Online-Konferenzen zum Thema „Mitgliederwerbung in Zeiten von und nach Corona“ durchgeführt, und dort haben diverse Vereinsvertreter von ähnlichen Erfahrungen berichtet: Sie waren durch digitale Angebote nicht nur in der Lage, eine Art Ersatz-Vereinsbetrieb anzubieten, sondern sie konnten darüber hinaus sogar neue Mitglieder gewinnen.
Long story short: Die Vereine, die auch während der Pandemie aktiv waren und ihre (in erster Linie digitalen) Ideen umgesetzt haben, hatten und haben keinen Mitgliederschwund zu beklagen. Ich kann allen Verantwortlichen in den Vereinen nur empfehlen, die neuen Möglichkeiten zu nutzen, die aufgrund der durch Corona extrem beschleunigten Digitalisierung entstanden sind.

Ob das große Interesse am Schachspiel während der Pandemie tatsächlich zu einer großen Eintrittswelle führt, wird man sehen. Aber der Umgang mit diesen erwachsenen Anfängern sollte in der Tat dadurch gekennzeichnet sein, dass man sie nicht gleich in den regulären Spielbetrieb integriert, das wirkt nach meiner Erfahrung eher abschreckend. Wenn der Verein die Möglichkeit hat, sollte er stattdessen einen zweiten Spielabend anbieten, bei dem ohne Uhr und ohne Leistungsdruck gespielt wird. Auch darüber haben wir bei unseren Corona-Konferenzen ausführlich gesprochen, die man sich übrigens alle auf unserem YouTube-Kanal anschauen kann:
 
PR für Schachvereine

Ich bin seit Jahren davon überzeugt, dass die mit Abstand beste Möglichkeit, Mitglieder in großer Zahl zu gewinnen, das Schulschach ist. Ich glaube außerdem, dass diese Möglichkeit sehr realistisch ist. Die Schachvereine, die mit den Grundschulen in ihrer Umgebung aktiv kooperieren, werden von schachspielenden Kindern geradezu geflutet. Wenn das durch ein entsprechendes Spiel- und Trainingsangebot für die Kinder und Jugendlichen im Verein ergänzt wird, steigen die Mitgliederzahlen in diesen Vereinen nach meiner Erfahrung innerhalb kurzer Zeit signifikant an.
Mein eigener Verein hatte früher immer etwa 130 Mitglieder, die Austritte wurden durch die Eintritte kompensiert. Inzwischen haben wir mehr als 200 Mitglieder und sind damit unter den TOP 10 in Deutschland. Das liegt ausschließlich daran, dass wir mit professionellen Schachlehrern zusammenarbeiten. Nebenbei bemerkt: Dasselbe gilt auch für Deinen alten Heimatverein [Anmerkung: gemeint ist hier der SV Bad Schwartau], auch wenn hier die absolute Mitgliederzahl etwas geringer ausfällt.

Die größten Schachvereine Deutschlands (10/2020): Vereine, die intensiv Jugendarbeit und Schulschach betreiben, liegen in der Mitgliederstatistik des DSB ganz vorn. Quelle: Deutscher Schachbund

Und wie sieht es bei den Frauen und Mädchen aus? Ist auch hier ein erhöhtes Interesse festzustellen?

Ich bin auf drei Ebenen als Schach-Funktionär im Einsatz: In meinem Verein, in meinem Landesverband und beim Deutschen Schachbund. Auf keiner dieser drei Ebenen habe ich bisher davon gehört, dass die Mitgliederzahlen im Frauen- und Mädchenbereich in letzter Zeit signifikant gestiegen wären. Was allerdings deutlich erhöht war in den letzten zwölf Monaten, waren die Anfragen der Presse zum Thema „Frauenschach“. Die Schwerpunkte waren dabei unterschiedlich: Von Beth Harmon bis zur Frage nach den Spielstärkeunterschieden zwischen Männern und Frauen war alles dabei. Das Projekt „Powergirls 2400“ des neuen Leistungssportreferenten Gerald Hertneck wird mit Sicherheit dafür sorgen, dass die Anzahl der Presseanfragen steigen und dass dabei die zuletzt genannte Frage nicht mehr so oft gestellt wird.

Also führt auch Schulschach nicht automatisch dazu, dass der Mädchenanteil in den Vereinen steigt?

Meine letzte Antwort bezog sich auf die letzten anderthalb Jahre. Im Jugendbereich und speziell bei den jüngeren Jahrgängen war der Mädchenanteil schon immer deutlich höher als der absolute Frauenanteil über alle Jahrgänge betrachtet, d.h. dass die Vereine, die Schulschach betreiben, nicht nur mehr Kinder und Jugendliche, sondern auch mehr Mädchen als Mitglieder begrüßen können. Das war schon vor der Pandemie so und das wird auch zukünftig so bleiben.

Das Modell, dass Schachvereine mit professionellen Schachschulen zusammenarbeiten, um in ihrem Einzugsbereich an Schulen flächendeckend Schach-AGs anbieten zu können, scheint sehr gut zu funktionieren. Zu meiner Zeit in den 1990ern gab es das noch nicht. Wird das Angebot auch von den Schulen grundsätzlich positiv bewertet, oder gibt es Widerstand, weil man z.B. nicht mit kommerziellen Anbietern zusammenarbeiten möchte?

Ich kann hier natürlich nur für die Lübecker Grundschulen sprechen: Ganz vereinzelt wird das Schach-Angebot von den Schulen nicht angenommen, aber der Grund war meines Wissens noch nie, dass der Schachlehrer seinen Lebensunterhalt mit Schachunterricht verdient, was ja die Definition eines „kommerziellen Anbieters“ ist. Ich möchte an dieser Stelle allerdings auch noch einmal an das alternative Modell erinnern, die Lehrer an den Schulen in die Lage zu versetzen, den Schachunterricht selber durchzuführen. Das ist das Prinzip, dem die beiden großen Schulschach-Projekte in Schleswig-Holstein und Bremen folgen. Wenn wir in jedem Bundesland ein solches Projekt (oder eben kommerzielle Anbieter im oben beschriebenen Sinne) etablieren können, haben wir auf Jahr(zehnt)e hinaus keine Sorgen mehr, was die Mitgliederzahlen angeht.

Es ist in der Tat bemerkenswert, was inzwischen im Jugend- und Schulschach geleistet wird. Ich persönlich verfolge im Detail nur das, was im Raum Lübeck passiert, aber qualitativ und quantitativ ist das um Längen besser als das, was "zu meiner Zeit" in den 1990ern dort geboten wurde. Ich frage mich oft, inwieweit sich in der Leistungsspitze Ergebnisse in der Jugendarbeit planen lassen. Setzt sich der Schachbund Zielvorgaben für die Jugendarbeit (vielleicht in Kooperation mit der Schachjugend), also z.B. "pro Jahr ein neuer deutscher GM der jünger ist als 23"?

Da ich in den von Dir erwähnten 90er Jahren Jugendwart im Lübecker Schachverein war, kann ich Deine Einschätzung zumindest teilweise bestätigen: Quantitativ war ich der damals übliche Einzelkämpfer und insofern bin ich genau wie meine Mitstreiter in den anderen Vereinen naturgemäß an Grenzen gestoßen, aber qualitativ war das Training meiner Meinung nach damals nicht schlechter als heute. Der wesentliche Unterschied ist meines Erachtens, dass man heutzutage aufgrund der Online-Möglichkeiten praktisch ununterbrochen trainieren kann, während es früher nur den Freitagnachmittag gab. Nach meiner Erfahrung kann das computergesteuerte Training aber auch dazu führen, dass die Ausbildung zwar breiter gefächert, aber nicht mehr so fundiert ist. Zu meiner Zeit als Jugendlicher (also in den 80er Jahren) gab es übrigens gar kein Training im Lübecker Schachverein – wir mussten uns alles selber aneignen.

Zu Deiner Frage: Wir haben in unser Verbandsprogramm auch das Thema „Deutsche Schachjugend“ aufgenommen. Bis zur Eigenständigkeit der DSJ stand in dem entsprechenden Kapitel auf Wunsch der DSJ nur, dass die Deutsche Schachjugend ihre eigenen Ziele definiert und diese selbst verfolgt. Der neue DSJ-Vorsitzende Niklas Rickmann hat uns zugesagt, dass wir im Verbandsprogramm jetzt auch gemeinsame Themenfelder benennen und bearbeiten können. Eines dieser Themenfelder ist natürlich der Leistungssport im Jugendbereich, der zwar dem DSB und seinem Bundesnachwuchstrainer zugeordnet ist, bei dem wir aber nur gemeinsam mit der DSJ vorankommen können. Wenn es nach mir ginge, würden wir entsprechende Zielvorgaben im Verbandsprogramm hinterlegen, gerne auch in der von Dir beschriebenen Art und Weise, vielleicht noch erweitert um junge FIDE-Meister/innen und Internationale Meister/innen.


Der "Goldene 1959er Jahrgang" des Lübecker Schachvereins: Michael Dreyer, Ulrich Sieg, Stefan Lindemann, und Michael Ehrke (v.l.n.r.). Hier zu sehen Mitte der 80er Jahre beim Mai-Turnier in Kiel. Foto: Privat

Und aus Vereinssicht? Was kann sich z.B. ein relativ großer Verein wie der Lübecker SV für qualitative Ziele in der Jugendarbeit setzen? Ist es beispielsweise realistisch, genug starke Jugendspieler ausbilden zu wollen, um den Verein dauerhaft in der Oberliga/2.Bundesliga zu halten?

Mein Verein hat etwa 100 Mitglieder im Jugendbereich mit einer entsprechenden Fluktuation, d.h. die Zahl der Kinder, die in Lübeck im Laufe der letzten Jahre Schach gespielt haben, liegt deutlich im dreistelligen Bereich. Da ist es eine reine Frage der Statistik, dass wir auch einige echte Talente im Verein hatten bzw. haben. Leider haben uns die beiden größten Talente (die Svane-Brüder) in Richtung Hamburg verlassen, und einige der anderen Talente haben inzwischen andere Interessen. Es ist also durchaus realistisch, starke Jugendspieler auszubilden. Das Problem besteht eher darin, diese dann auch im Verein zu halten.

Das war früher anders: Es gibt bei uns im Verein den „goldenen Jahrgang“ 1959 mit Namen wie Michael Dreyer, Michael Ehrke, Ulrich Sieg und Stefan Lindemann, die Du vermutlich alle kennst. Bei allen wurde das Interesse am Schach durch den Wettkampf zwischen Spassky und Fischer im Jahr 1972 geweckt, und das Besondere ist, dass sie alle auch während des Studiums und nach dem Einstieg in das Berufsleben dem Verein treu geblieben sind, und über Jahrzehnte hinweg das Gerüst der ersten Mannschaft gebildet haben, die damals in der zweiten Bundesliga gespielt hat. In den kommenden Jahren werden sie alle die goldene Ehrennadel des Vereins erhalten, die es bei uns für die 50-jährige Mitgliedschaft gibt. 
Die Frage lautet also nicht, ob es in Lübeck genug talentierte Nachwuchsspieler gibt, die auch stark genug für die Oberliga und die zweite Bundesliga sind, sondern wie man diese im Verein halten kann, wenn sie in den Erwachsenenbereich wechseln. Eine Antwort auf diese Frage würde gleichzeitig auch dafür sorgen, dass unsere Mitgliederzahlen (also die des DSB) signifikant ansteigen würden, denn der Einbruch beim Übergang in den Erwachsenenbereich ist eines unserer Hauptprobleme.

Das stimmt. Vereine, die wie der SV Bad Schwartau noch stärker auf die Ergebnisse ihrer Jugendarbeit angewiesen sind, leiden unter diesem Problem natürlich besonders. Dass es beim Übergang in den Erwachsenenbereich einen gewissen Verschleiß unter den Mitgliedern gibt, leuchtet mir ein; dass aber Jahr für Jahr der betreffende Jahrgang fast komplett wegbricht, hat mich doch immer wieder überrascht.
Andererseits sollte es für Schachvereine durch die heutigen technischen Möglichkeiten (Vereinswebsite, E-Mail, sozialen Medien etc.) doch einfacher geworden sein, mit ihrer "Diaspora" in Kontakt zu bleiben? Sind Angebote wie die DSOL, die Lichess Quarantäne-Liga, oder vielleicht vereinsinterne Onlineturniere interessant genug, um wenigstens einige Mitglieder, die nach dem Schulabschluss vielleicht in eine andere Stadt ziehen oder völlig andere Interessen entwickeln, vom Austritt aus dem Verein abzuhalten? Lassen sich damit inaktive Mitglieder mal wieder ans Brett bringen und Karteileichen reanimieren?

Die in meiner vorherigen Antwort beschriebene Nibelungentreue zum Heimatverein, die es früher nicht nur in Lübeck gab, hat sich heutzutage fast ins Gegenteil verkehrt: Die Jugendlichen treten häufig sogar schon vor dem Abitur und dem damit häufig einhergehenden Ortswechsel aus dem Verein aus. Persönlich glaube ich nicht, dass die digitalen Angebote attraktiv genug sind, um die jungen Leute im Verein zu halten. Die Anzahl der inaktiven Mitglieder, die dadurch tatsächlich ans analoge Brett zurückgekehrt sind, lässt sich zumindest in unserem Verein an den Fingern einer Hand abzählen.

Wenn ich zurückdenke an die Zeit, die ich als junger Erwachsener im Lübecker Schachverein verbracht habe, dann erinnere ich mich an die wirklich grandiosen Vereinsabende, bei denen Rauchschwaden durch das Vereinsheim zogen und wir nach einigen spontan organisierten Blitzturnieren, bei denen die untere Hälfte der oberen jeweils ein Getränk ausgeben musste, anschließend seltsame Würfelspiele am Tresen gespielt haben, bei denen es im Wesentlichen nur darum ging, wer die nächste Runde zahlen muss.
Ich erinnere mich außerdem an die Punktspielwochenenden, die im Prinzip am Freitagabend im Verein begannen und am Sonntagabend in unserer Stammkneipe endeten. Insbesondere die Fahrten nach Berlin waren damals etwas ganz Besonderes, und es kam überhaupt nicht in Frage, einen Mannschaftskampf abzusagen. Die Vereine, gegen die wir gespielt haben, sind auch immer mit denselben Spielern angetreten, nur die Brettfolge variierte im Laufe der Jahre ein wenig, d.h. in den anderen Vereinen verhielt es sich nicht anders als in Lübeck. Ob die Würfelspiele auch dieselben waren, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.
Ich möchte das jetzt nicht überhöhen, aber ich habe einen großen Teil meiner Sozialisierung in meinem Verein erfahren, und viele meiner Freunde sind auch Mitglied meines Vereins und für die gilt dasselbe.

Das Hauptangebot, das ein Verein seinen Mitgliedern unterbreiten kann, ist der Vereinsabend. Und der ist in Lübeck heutzutage dadurch gekennzeichnet, dass es ein umfangreiches Trainingsangebot für Kinder und Jugendliche gibt und im Anschluss ein offizielles Turnier (Monatsblitz o.ä.). Manchmal bleiben einige wenige ältere Mitglieder danach noch, um über die guten alten Zeiten zu reden, und das ist für die jungen Erwachsenen einfach nicht attraktiv. Ich habe von vielen anderen Vereinen gehört, die eine ähnliche Entwicklung genommen haben und das ist nicht in den vergangenen Jahren plötzlich passiert, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses, der vielleicht vor 20 Jahren begonnen hat. Meine Empfehlung lautet jetzt nicht, beim Vereinsabend ein Rauchgebot einzuführen, und ob Blitzturniere, bei denen es nur darum geht, das nächste Bier nicht zu bezahlen, heutzutage noch zeitgemäß sind, wage ich auch zu bezweifeln. Aber wenn man die jungen Leute in den Vereinen halten möchte, müssen die älteren Mitglieder den Vereinsabend so attraktiv gestalten, wie er es damals für uns war.

In Lübeck hat unsere Jugendwartin Nicole Hellenbroich genau aus diesem Grund ein wöchentliches Treffen für den Nachwuchs eingeführt, bei dem es nicht in erster Linie um Schachbretter und -figuren geht, sondern um gemeinsame selbstorganisierte Aktivitäten. Ob das auf lange Sicht dazu führt, dass diese Jugendlichen dem Verein erhalten bleiben, wird man sehen, aber der Ansatz gefällt mir sehr gut und er passt auch besser in die heutige Zeit als Würfelspiele am Tresen.

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